Margarete Schütte-Lihotzky: Pionierin der Architektur und mutige Kämpferin für soziale Gerechtigkeit
Margarete Schütte-Lihotzky: Eine Pionierin der Architektur und Aktivismus
Margarete Schütte-Lihotzky – der Name mag für viele untrennbar mit der berühmten „Frankfurter Küche“ verbunden sein, doch ihr Lebenswerk und ihr Vermächtnis sind weitreicher und komplizierter als es auf den ersten Blick erscheint. Im Jahr 1997, als sie bereits in ihren Neunzigern war, zeigte Schütte-Lihotzky ihre Frustration über die eindimensionale Wahrnehmung ihrer Arbeit: „Wenn ich gewusst hätte, dass alle immer darüber reden, hätte ich diese verdammte Küche niemals gemacht!“ Diese Aussage verdeutlicht, dass hinter dem Architekten, der als Pionier des modernen Wohnens gilt, eine bemerkenswerte Lebensgeschichte steckt.
Die Vielseitigkeit einer Revolutionärin
Margarete Schütte-Lihotzky war nicht nur Architektin, sondern auch antifaschistische Widerstandskämpferin, militant Feministin und engagierte Kommunistin. Sie widmete ihr Leben der Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse und entwarf nicht nur Küchen, sondern auch soziale Wohnanlagen, Kindergärten und vieles mehr. Ihre unermüdliche Suche nach sozialer Gerechtigkeit prägte ihr Schaffen in jeder Phase ihres Lebens.
Eine neue Ausstellung im Austrian Cultural Forum in New York, die unter dem Titel "Margarete Schütte-Lihotzky: Pioneering Architect. Visionary Activist" läuft, beleuchtet das umfangreiche Werk dieser außergewöhnlichen Frau. Die von Dr. Stephanie Buhmann und Dr. Bernadette Reinhold kuratierte Retrospektive zeigt originale Entwürfe, architektonische Pläne und persönliche Korrespondenz, die Schütte-Lihotzkys beeindruckendes Leben dokumentieren.
Die Frankfurter Küche und ihre Wahre Bedeutung
Die „Frankfurter Küche“, entworfen im Jahr 1927, mag das bekannteste Werk Schütte-Lihotzkys sein, doch die Ausstellung macht klar, dass dies nur einen kleinen Teil ihres großen Beitrags zur Architektur und Gesellschaft bedeutet. Die Küche war revolutionär in ihrer Funktionalität und Gestaltung, stieß jedoch bei der Architektin auf wenig Begeisterung, da sie in ihrer Bedeutung häufig auf diese eine Leistung reduziert wurde.
Im Rahmen der Ausstellung wird auch ein Zeitstrahl präsentiert, der die wichtigsten Stationen in Schütte-Lihotzkys Leben veranschaulicht. Ein Musikvideo zu Rob Rotifers Pop-Punk-Hommage an die Architektin verdeutlicht, wie ihre Arbeit bis in die Gegenwart nachhallt.
Ein Leben im Widerstand
Margarete Schütte-Lihotzky wurde am 23. Januar 1897 in Wien geboren und begann ihre architektonische Laufbahn in einer Zeit, in der soziale Reformen in Österreich an Bedeutung gewannen. Ihr Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien vermittelte ihr ein tiefes Verständnis für soziale Verantwortung, geprägt durch ihren Professor Oskar Strnad.
In den 1930er Jahren wurde Schütte-Lihotzky politisch aktiv, schloss sich der „Mai-Brigade“ an und arbeitete in der Sowjetunion, wo sie Kindergärten entwarf und soziale Einrichtungen plante. Ihr Engagement führte sie weiter nach Istanbul, wo sie an Schulen im Rahmen von Präsident Kemal Atatürks Bildungsreform arbeitete. Als Mitglied eines antifaschistischen Widerstandsnetzes wurde sie 1941 von den Nazis verhaftet und verbrachte Jahre in Gefangenschaft, bevor sie 1945 von amerikanischen Soldaten befreit wurde.
Nachkriegszeit und Wiederentdeckung
Nach dem Krieg kehrte Schütte-Lihotzky nach Wien zurück und betätigte sich in der Stadtplanung, um die dringend benötigten Einrichtungen für Kinder und Familien zu schaffen. Trotz ihrer bemerkenswerten Anstrengungen blieb ihre Karriere nach dem Krieg jedoch stark eingeschränkt, was Historikern zufolge vor allem auf ihren politischen Background und ihr Geschlecht zurückzuführen ist.
Erst viele Jahre später, in den letzten Lebensjahren Schütte-Lihotzkys, wurde ihr Erbe wiederentdeckt und gewürdigt. Die Ausstellung im Austrian Cultural Forum zeigt nicht nur ihre Entwürfe, sondern auch persönliche Dokumente, die Aufschluss über die politische Aktivistin hinter der Architektin geben.
Ein Aufruf zum Handeln
Beim Verlassen der Ausstellung bleibt der Besucher inspiriert, aber auch verwirrt über das Ungerechtigkeitssystem, das Frauen wie Schütte-Lihotzky über viele Jahrzehnte hinweg in den Hintergrund gedrängt hat. In einem Zeitalter, in dem viele männliche Architekten der Moderne in den Vordergrund gerückt wurden, ist es an der Zeit, dass die Stimmen unterrepräsentierter Pioniere gehört und gewürdigt werden.
Margarete Schütte-Lihotzky zeigt uns, dass wahre Architektur weit über ästhetische Fragen hinausgeht – sie ist auch ein Werkzeug des Wandels und der sozialen Gerechtigkeit. Diese Ausstellung ist nicht nur eine Hommage an eine großartige Architektin, sondern auch ein Aufruf, ihre Philosophie des Widerstands und der sozialen Verantwortung weiterzuführen.
Letztendlich ist der Weg zur Anerkennung von Schütte-Lihotzkys Werk ein wichtiger Schritt in Richtung einer gerechteren und ganzheitlicheren Betrachtung von Architektur und ihren Umsetzungsmöglichkeiten in der heutigen Zeit.