Eine vier Tage lange Wahl hat die Grundfesten der Europäischen Union erschüttert, wobei die politisch weit rechts stehenden Parteien in Frankreich und Deutschland die regierenden Parteien erschüttert haben. In den nächsten fünf Jahren wird es für das Europäische Parlament schwieriger sein, Entscheidungen zu treffen. Nachdem Marine Le Pens National Rally Macrons pro-europäische Zentristen bei den Wahlen gedemütigt hatte, rief der französische Präsident Emmanuel Macron vorgezogene nationale Wahlen aus. Die Sozialdemokraten von Bundeskanzler Olaf Scholz in Deutschland erlitten ebenfalls massive Verluste, während die rechtsextreme Alternative für Deutschland Skandale abschüttelte und massive Gewinne verzeichnete.
In Italien gewann die Partei von Premierministerin Giorgia Meloni, die Wurzeln im Neofaschismus hat, mehr als 28% der nationalen Stimmen für die EU-Versammlung, was sie zu einem Schlüsselspieler bei der Bildung zukünftiger Allianzen machen würde. Grüne und pro-busines-liberale Gruppen in ganz Europa erlitten schwere Niederlagen, aber Mainstream-Formationen hielten sich, wobei die Mitte-Rechts-Partei der Europäischen Volkspartei die größte Gruppierung in der 27-Nationen-EU-Versammlung blieb.
In Frankreich werden die Wähler in nur drei Wochen erneut an die Urnen zurückkehren, nachdem Macron das Parlament aufgelöst und vorgezogene nationale Wahlen ausgerufen hatte. Der Wahlsieg von Le Pens anti-immigrations- und nationalistischer Partei wurde erwartet, jedoch war das Ausmaß des Sieges eine Überraschung, da sie den Anteil von Macrons Renaissance-Partei mehr als verdoppelte. Es wird sich bis Mitte Juli zeigen, ob ein geschwächter Macron gezwungen sein wird, mit einer rechtspopulistischen Regierung in einer unangenehmen “Kohabitation” zusammenzuarbeiten.
Trotz Skandalen konnte die rechtsextreme Alternative für Deutschland in Deutschland bei den Wahlen ihr bisher bestes Ergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg erzielen, während Scholz’ regierende Sozialdemokraten ihr schlechtestes Ergebnis verbuchten. Die Ergebnisse werden die Entscheidungsfindung und die Verabschiedung von Gesetzen zu Themen wie dem Klimawandel und den Agrarsubventionen verlangsamen. EU-Präsidenten und Ministerpräsidenten werden am 17. Juni einen Gipfel abhalten, um die Ergebnisse zu bewerten. Sie werden auch darüber diskutieren, ob von der Leyen an die Spitze des mächtigen Exekutivorgans der EU, der Europäischen Kommission, zurückkehren soll.