Meinung | Eine Kühle liegt über der Buchwelt

Meinung | Eine Kühle liegt über der Buchwelt

Die literarische Vereinigung Litprom hat letzte Woche eine Feier für das Buch “Minor Detail” der palästinensischen Autorin Adania Shibli auf der Frankfurter Buchmesse, einer der größten internationalen Buchmessen der Verlagswelt, abgesagt. Der Roman, der für den National Book Award nominiert und für den International Booker Prize in die Longlist aufgenommen wurde, sollte für den Gewinn des LiBeraturpreis 2023 geehrt werden, einem deutschen Literaturpreis, der jährlich an eine Frau aus der entwickelnden Welt verliehen wird. Auch eine Panel-Diskussion, an der Shibli mit ihrem deutschen Übersetzer Günther Orth teilnehmen sollte, wurde abgesagt.

In einer Stellungnahme verteidigte Juergen Boos, der Direktor der Buchmesse, die Entscheidung und distanzierte die Organisation von dem Preis, da dieser von einer anderen Gruppe stamme, die nun nach einem geeigneten Format und Ort suche, um Shibli anderswo zu ehren. Boos betonte zudem, dass man “den barbarischen Terroranschlag der Hamas gegen Israel aufs Schärfste verurteile” und dass die Messe “immer um Menschlichkeit bemüht war; ihr Fokus lag immer auf friedlichem und demokratischem Diskurs.” Ferner betonte Boos, dass die Frankfurter Buchmesse “voll und ganz auf der Seite Israels” stehe.

Obwohl einige Leser, wie auch die Festivalveranstalter, voll und ganz auf der Seite Israels stehen, gibt es auch andere, die vielleicht Hamas oder das palästinensische Volk unterstützen, das jetzt von israelischen Streitkräften bekämpft wird. Doch auch wenn man auf einer Seite in diesem Krieg steht, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass man eine Position zu einem fiktionalen Werk einnehmen muss. Die Entscheidung der Messeveranstalter, die Feier einer Autorin abzusagen, führt dazu, dass eine fiktionale Autorin dämonisiert und ihre Sichtweise erstickt wird.

Obwohl Shibli nicht gestrichen wurde und ihre Werke weiterhin in Übersetzung aus dem Arabischen erhältlich sind, wurde dennoch eine Art Kälteeinbruch verursacht. Die Botschaft, die die Veranstalter eines der weltweit wichtigsten jährlichen Literaturereignisse senden, ist, dass ihre Fiktion und somit auch die Arbeit anderer palästinensischer Autoren in diesem Moment irgendwie nicht akzeptabel sind.

Kriege verursachen Schaden, Romane nicht. Literatur mag unbequeme Fragen aufwerfen, unpopuläre Standpunkte erforschen oder Gründe liefern, sich in eine Figur hineinzuversetzen, die man ansonsten abstoßend finden würde. Eine Geschichte, die Charaktere, Politik und Themen eines Romans sprechen vielleicht nicht jeden Leser an. Dennoch müssen Romane kein politisches Publikum ansprechen oder besänftigen.

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